Das Januar Blatt
2020
40 Seiten
Signiert und nummeriert

(Auszug)

So wie mein Großvater, konnte niemand Äpfel schälen. Er hatte eine ganz eigene Art. Dafür setzte er sich an den Rand der Küchenbank hinter den Tisch und nahm zuerst einen Apfel und setzte die zuvor sorgfältig geschliffene Messerkante an. Dann schälte er die noch nasse Schale, die Apfelhaut. Die am Tisch liegen gebliebene Schale, durften wir, die Kinder, die Enkel essen. Am Besten schmeckte es, wenn aus der Schale eine Zunge, eine Apfelhautzunge wurde, wenn mein Großvater es schaffte den Apfel in Einem zu schälen. Es waren die besten, die süßesten, die saftigsten Apfelstücke, die ich gegessen habe. Ich wusste, dass er die Äpfel zuvor auf dem Feld mit seinen Apfelbäumen neben der einzigen Straße – sie fuhr ins Dorf und wieder hinaus – aufgehoben und zurück ins Haus gebracht hatte. Ich wusste immer woher die Äpfel kamen. Zwei Erinnerungsbilder kommen auf, wenn ich an diesen Mann, meinen Großvater, meinen Opa, denke. Ich kannte ihn auf zwei Arten: Äpfel schälend und Fliegen klatschend. […]



Das Februar Blatt
2020
40 Seiten
Signiert und nummeriert

(Auszug)

Und wieder die Frage, wie salzig das Meer war. Denn es ist nicht immer gleich. War wohl müder als gedacht. Nach der Rückkehr sofort im vertrauten Bett eingeschlafen. Das Salz will noch auf der Oberlippe kleben und überall. Voll bekleidet mit Mantel und Schuhen mit dem Oberkörper auf der Matratze niedergesunken. Gerade angekommen und schon wieder weg. Die Beine angewinkelt und am Boden abgestützt. Noch weiter weg. Sah so aus als wollte ich gerade noch wohin gehen, abreisen, fortziehen. Der gepackte Koffer noch immer in der Mitte des Raums. Schwer zu sagen, ob ich gerade angekommen bin oder doch verreisen wollte. Die ganze Wohnung geputzt und sauber hinterlassen, damit ich mich nach der Rückkehr wohl fühle. Alles so still und leise. Einzig ein Rasenmähen irgendwo. Dabei sind wir in der Stadt. Dann, nicht weit entfernt, ein Rauschen. Muss wohl das Meer sein irgendwo – anderswo. Kurz die Sonne, dann ganz lange eine Wolke. Zieht über das Land und die Felder irgendwo. Zieht nach dort drüben. […]



Das März Blatt
2020
40 Seiten
Signiert und nummeriert

(Auszug)

Die Windmühlen stehen plötzlich still. Obwohl da draußen der Wind geht. Ich kann es sehen. Ich kann die Äste der Bäume tänzeln sehen und die vorbeiziehenden, weißen Wolken. Wie das wohl geht, frage ich mich. Windmühlen sollten doch nicht stillstehen. Das Meer sollte doch nicht flach werden. Ein Brocken sollte doch nicht zu schwarzem Sand zerfallen. Es sollte doch nicht so einfach sein Luft aufzuhalten. Man sagt, dass Wind nur hörbar ist, wenn er um die Ecke zieht – sich zwischen Blätter drängt oder sich durch enge Gassen zwängt.  Der Zug fährt mit mir an diesem kalten Feld vorbei und schon denke ich nicht mehr an den Wind oder die Mühlen – sich drehend oder nicht. Ich bin wie so oft viel zu früh am Flughafen oder am Bahnhof oder an einem dieser Orte, die keine sind. Um zurückzukehren, um von einem zu Hause ins andere zu flüchten. Und bin ich hier, möchte ich dort sein und bin ich endlich dort, zieht es mich zurück. Ein Seil, das an beiden Enden gezogen wird. Nur während dem Reisen fühle ich mich wirklich wohl und irgendwie angekommen. Denn ich erkenne die vorbeiziehenden Häuser und die Gesichter, die aus den Fenstern blicken. Sie sind jedes mal gleich und doch jedes Mal irgendwie anders. Kommen mir verschoben vor. […]

Das April Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

(Auszug)

Das Brotrezept meiner Großmutter fängt so an: „ Am Morgen, 10 Minuten nach 5 Uhr ist der Anfang (…) Dann gibt man nach Augenmaß Wasser dazu. Die Maschine rührt bis halb 6.“ Ein Zeitgebundenes Rezept also, wenn das nachgebackene Brot genau so werden soll, wie ihres. Der Steinofen ist schon am frühen Morgen – draußen alles noch dunkel, fast noch ist es Nacht – ganz heiß. In der Küche wartet eine mit Leinen bedeckte Holztruhe. Sieht so aus, wie ein Kinderwagen, ein Kinderkorb. Dort liegt der Teig ruhig drin. Er geht. Der feuchte Mehlgeruch in der Luft. Sitze ich in der Küche, kann ich das kneten des Teiges hören. Wie es auf der mit Mehl bestreuten Holzplatte von ihren Händen niedergedrückt wird. So knetet nur eine Großmutter. Knete ich, zerbröselt der Teig, knetet aber meine Großmutter, wird der Teig wie ein Polster. Lässt sich formen, sieht es aus als würden der Teig und die Hände miteinander tanzen.[…]


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