Entstanden durch die Idee eigene Fotografien und Texte in einem kleinen Heft zu veröffentlichen. Für die Dauer eines Jahres wird monatlich ein neues »Blatt« mit im jeweiligen Monat gemachten analogen Fotografien und eigenen Texten, über schon längst vergangene Zeiten oder Erzählungen über fiktive Erinnerungen, selbst gebunden und veröffentlicht. Das Fotobuch-Projekt ist persönlich und soll die Verbindung zwischen Fotografie und Literatur zeigen. Denn oft liest man mehr in einer Fotografie als in Worten, und oft sieht man mehr in Worten als in Bildern.

Die Hefte sind noch immer erhältlich.


Wurde vorgestellt in:

FOTOHOF Salzburg 2021
OFF GRID Fotofestival 2020, 2021
sBUK Belgrad, 2020

Das Januar Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert


So wie mein Großvater, konnte niemand Äpfel schälen. Er hatte eine ganz eigene Art. Dafür setzte er sich an den Rand der Küchenbank hinter den Tisch und nahm zuerst einen Apfel und setzte die zuvor sorgfältig geschliffene Messerkante an. Dann schälte er die noch nasse Schale, die Apfelhaut. Die am Tisch liegen gebliebene Schale, durften wir, die Kinder, die Enkel essen. Am Besten schmeckte es, wenn aus der Schale eine Zunge, eine Apfelhautzunge wurde, wenn mein Großvater es schaffte den Apfel in Einem zu schälen. Es waren die besten, die süßesten, die saftigsten Apfelstücke, die ich gegessen habe. Ich wusste, dass er die Äpfel zuvor auf dem Feld mit seinen Apfelbäumen neben der einzigen Straße – sie fuhr ins Dorf und wieder hinaus – aufgehoben und zurück ins Haus gebracht hatte. Ich wusste immer woher die Äpfel kamen. Zwei Erinnerungsbilder kommen auf, wenn ich an diesen Mann, meinen Großvater, meinen Opa, denke. Ich kannte ihn auf zwei Arten: Äpfel schälend und Fliegen klatschend. Der Satz: „duri zua“ (Tür zu) erklingt selten aber doch noch immer, wenn ich in der Küche meiner Großeltern sitze und die Tür nur angelehnt, wenn ein Spalt zwischen Tür und Türrahmen sichtbar ist.  Die Tür sollte immer geschlossen werden, nie offen stehen. In der Ecke auf der Bankpolsterung lag immer eine rote oder eine gelbe oder eine grüne Fliegenklatsche, die sich mein Großvater gleich nach dem Niedersetzen näher zu sich rüberzog. Er würde Stunden damit verbringen alle Fliegen in der Küche in den Schlaf zu klatschen. Im Winter war es für diese zu kalt draußen und bei jedem Eintreten flogen, ja schmuggelten sich paarweise, manchmal auch nur eine Einzige alleine in die warme Küche wo wir alle um den Tisch saßen und meinem Großvater zusahen. In den kalten Monaten saß er in der Küche und in den heißen saß er vor dem Haus. Mit ihm war immer die Fliegenklatsche, von der er auch im Freien Gebrauch machte. Wenn er eines der kleinen Tierchen am anderen Ende der Küche sah, dann übergab er die Fliegenklatsche ganz vorsichtig dem, der gerade in der Nähe war und gab den Befehl „flink!“, das Tierchen auf der Wand oder auf den Tellern oder auf dem kalt gewordenen Herd mit der Klatsche zu erwischen. Wir Enkel freuten uns jedes Mal und näherten uns dem schwarzen Fleck auf der Wand oder dem Topf oder dem Geschirrlappen. Dann klatschte es. Wir trafen nicht immer oder zögerten beim Ausholen so lange, dass die Fliege sich von der Wand oder dem Teller oder wo sie war, schmiss und an unseren Köpfen vorbei flog. Manchmal ertönte ein „Jawohl“ hinter dem Fliegenklatscher. Die Stimme meines Großvaters. Und manchmal ein „je bua c flink“ (sie war schneller)  aus seinem schmunzelnden Mund, die Hand schon wieder ausgestreckt und die Fliegenklatsche zurückfordernd.

Das Januar Blatt



Das Februar Blatt
2020
40 Seiten
nummeriert und signiert


Und wieder die Frage, wie salzig das Meer war. Denn es ist nicht immer gleich. War wohl müder als gedacht. Nach der Rückkehr sofort im vertrauten Bett eingeschlafen. Das Salz will noch auf der Oberlippe kleben und überall. Voll bekleidet mit Mantel und Schuhen mit dem Oberkörper auf der Matratze niedergesunken. Gerade angekommen und schon wieder weg. Die Beine angewinkelt und am Boden abgestützt. Noch weiter weg. Sah so aus als wollte ich gerade noch wohin gehen, abreisen, fortziehen. Der gepackte Koffer noch immer in der Mitte des Raums. Schwer zu sagen, ob ich gerade angekommen bin oder doch vereisen wollte. Die ganze Wohnung geputzt und sauber hinterlassen, damit ich mich nach der Rückkehr wohl fühle. Alles so still und leise. Einzig ein Rasenmähen irgendwo. Dabei sind wir in der Stadt. Dann, nicht weit entfernt, ein Rauschen. Muss wohl das Meer sein irgendwo – anderswo. Kurz die Sonne, dann ganz lange eine Wolke. Zieht über das Land und die Felder irgendwo. Zieht nach dort drüben. Die Wolke dimmt das Licht. Bemerke, wie es dunkel und wieder hell und wieder dunkel wird. Ein bisschen so wie grau. Kann die Abenddämmerung auch nur schlecht von der Morgendämmerung unterscheiden. Rauch steigt aus dem gegenüber liegenden Haus auf so wie jeden Abend. Zieht weiter. Lässt mich wissen, dass da jemand im Haus ist. Die müden Augen gehen auf. Wieder da. Starren an die dunkle, grau gewordene Wand. Durch das Fenster der Mondschein. So hell, denke ich. Könnte jede Ecke in dem Zimmer sehen. Muss von draußen wohl so aussehen, als hätte ich das Licht an – so hell.  Plötzlich ein Rieseln auf ein Aluminiumbrett. Warte kurz bevor ich mich erhebe um den Kopf zu drehen. Es schneit, schreit es aus mir heraus. Schneeregen – der bleibt nicht liegen. Nicht so der Teich in meiner Dusche, wo das Wasser nur langsam abläuft. Draußen pfeift der Wind seine Tränen voran. Gerade eben noch alles so trocken und gerade eben noch gar nicht kalt gewesen, friert es mich. Draußen ein Vogel so früh schon wach. War kaum eingeschlafen. Da klopft es. Der Specht, der klingt anders. Muss wohl ein Traum gewesen sein. Immer noch angezogen, ziehe ich die Decke bis zum Kinn. Die Schuhe noch an den Füßen. An der Bettkante hinausragende Klötze. Weg. Verschwindet die Stadt und das Zimmer und der eingefrorene Wind am Boden irgendwo. Verblassen die frühen Stunden. Vergeht die Zeit und keine Spur mehr von Winter oder kalten Tagen. Steht die Sonne wieder hoch und schaut hinunter. Hinterlässt vergilbte Flächen auf der Wand, die zeigen wo ein Schrank gestanden ist oder eine Fotografie gehangen hat. Das Meer, irgendwo plötzlich so flach, kehrt ins Innere zurück.

Das Februar Blatt 2020


Das März Blatt
2020
40 Seiten
Signiert und nummeriert

Die Windmühlen stehen plötzlich still. Obwohl da draußen der Wind geht. Ich kann es sehen. Ich kann die Äste der Bäume tänzeln sehen und die vorbeiziehenden, weißen Wolken. Wie das wohl geht, frage ich mich. Windmühlen sollten doch nicht stillstehen. Das Meer sollte doch nicht flach werden. Ein Brocken sollte doch nicht zu schwarzem Sand zerfallen. Es sollte doch nicht so einfach sein Luft aufzuhalten. Man sagt, dass Wind nur hörbar ist, wenn er um die Ecke zieht – sich zwischen Blätter drängt oder sich durch enge Gassen zwängt.  Der Zug fährt mit mir an diesem kalten Feld vorbei und schon denke ich nicht mehr an den Wind oder die Mühlen – sich drehend oder nicht. Ich bin wie so oft viel zu früh am Flughafen oder am Bahnhof oder an einem dieser Orte, die keine sind. Um zurückzukehren, um von einem zu Hause ins andere zu flüchten. Und bin ich hier, möchte ich dort sein und bin ich endlich dort, zieht es mich zurück. Ein Seil, das an beiden Enden gezogen wird. Nur während dem Reisen fühle ich mich wirklich wohl und irgendwie angekommen. Denn ich erkenne die vorbeiziehenden Häuser und die Gesichter, die aus den Fenstern blicken. Sie sind jedes mal gleich und doch jedes Mal irgendwie anders. Kommen mir verschoben vor. Es bleibt nur die Reise von einem Ort in den nächsten, wo mich nichts zurückpfeift. Wo ich an nichts festhalte, das sich mit Worten nicht festhalten lässt. In der großen Halle angekommen,  habe ich Lust, meine Augen in Butter zu legen. Die müde Zeit auf einer Scheibe Brot zu verstreichen. Ich lege mein ganzes Gewicht ab und werde ganz schwer. Der ganze Körper bleibt kurz unbeweglich und unförmig, wie ein Sack voll Mehl. Ich atme aus bis nichts mehr geht. Zerfalle bis ich spüre, dass meine Lunge wohl so aussehen muss, wie ein versiegelter Vakuumbeutel. So lange, dass mein Oberkörper anfängt sich zu verkrampfen und mich zwingt Luft zu holen. Mich zwingt nach Luft zu ringen. Vor mir eine Glaswand und dahinter steigt Dampf auf. Zuerst grau, dann weißer Rauch – Frieden. Das muss es sein, denke ich mir. Alles ruhig, alles friedlich. Muss wohl, wie man sagt. Es richtet mich auf. Der Rücken, der immerzu krumm war, ist plötzlich ganz gerade. Ein unsichtbarer Strick, der ihn immer höher zieht. Der Pullover kratzt sanft auf der Haut. Ein Zeichen, dass der Frühling kommt. Wenn sich Pullover am Körper nicht mehr richtig anfühlen. Der erste Strauch im Garten, blüht auf. Von einem Tag auf den nächsten, sieht man wieder vergessene Farben. So schnell schon ist die kalte Nacht vergessen. Eis schmilzt und die Äste der Bäume tänzeln weiter.

Das März Blatt

Das April Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

(Auszug)

Das Brotrezept meiner Großmutter fängt so an: „ Am Morgen, 10 Minuten nach 5 Uhr ist der Anfang (…) Dann gibt man nach Augenmaß Wasser dazu. Die Maschine rührt bis halb 6.“ […]


Das Mai Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

(Auszug)


Wir bleiben sitzen und können nicht nach Hause gehen. […]

Das Juni Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummertiert

(Auszug)

Weil man nicht aufhört zu denken, dass alles anders war bevor man geboren wurde. […]

Das Juli Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

(Auszug)

Ich weiß noch genau, gestern. […]

Das August Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

(Auszug)

Ihre großen, lieben Augen und die so tiefen, scharfen Falten, die ihre Jahre wie von selbst auf ihr tragen. […]

Das September Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

[Auszug]

Die Sonne, wie sie immer tiefer steht und du, wie du müde wirst von den letzten Sonnenstrahlen. […]

Das Oktober Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummertiert

[Auszug]

Wie eine Taube pickst auch du an allem Vergangenen. […]

Das November Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

[Auszug]

Will zurück, aber nur wohin. […]


Das Dezember Blatt
2020
40 Seiten
signiert und nummeriert

[Auszug]

Und wie der Wind die Äste bewegt. […]

Jeden Monat neu
Fotografien und Text
25€ (+Versand)


(Bestellung per Mail an verena.gotthardt[at]aon.at)



*ein vom Land Kärnten gefördertes Projekt